LOCALINAR TÜBINGEN
4. April 2026 · Datenanalyse · 10 Min. Lesezeit

90 Mio. EUR Energiewende in Tübingen — Solarthermie, Fernwärme & Klimaschutz

Tübingen baut seine Energieinfrastruktur um: Ein neuer Solarthermiepark, die größte Fernwärme-Offensive der Stadtgeschichte und ein Klimaschutzprogramm mit konkreten Zielen. Die Stadtwerke liefern seit 2012 100% Okostrom — jetzt folgt die Wärmewende.

€90M
Investition
100%
Okostrom seit 2012
8
SWT Sparten
2028
Fernwärme-Ziel

Wohin die 90 Millionen fliessen

Die Energiewende in Tübingen wird von den Stadtwerken Tübingen (SWT) getrieben — einem 100% stadtischen Unternehmen, das seit 2012 ausschliesslich Okostrom liefert. Jetzt folgt der nachste Schritt: die Wärmewende. Die Investitionen verteilen sich auf drei Grossprojekte:

Fernwärme Ausbau
€65.000.000
Solarthermiepark Au
€20.770.000
Klimaschutzprogramm
€4.200.000

Solarthermiepark Au — 20,77 Mio. EUR

Größte Solarthermie-Anlage der Region

€20.770.000 · Baubeginn 2025
Standort: Au (sudlich der Altstadt). Solarthermische Grossanlage zur Einspeisung in das Fernwarmenetz.

Finanzierung:
Bund (BEW-Förderung): €5.770.000 · verifiziert
SWT Eigeninvestition: €15.000.000 · verifiziert

Fernwärme-Ausbau — 65 Mio. EUR

Steinlachleitung & Netzausbau Südstadt-Derendingen

€65.000.000 · Laufend 2025-2028
Neubau der Steinlachleitung, Fernwarmenetz-Erweiterung Richtung Südstadt und Derendingen. Langfristiges Ziel: Ablosen von Erdgas durch erneuerbare Fernwärme.

Finanzierung:
KfW / L-Bank Forderkredit: €20.000.000
SWT Eigeninvestition: €45.000.000

Klimaschutzprogramm — 4,2 Mio. EUR

Klimaschutzprogramm 2030 + PV-Förderung + Stabsstelle

€4.200.000 · 2025
Klimaschutzprogramm 2030: €3.500.000 (Investition)
Förderprogramm Photovoltaik: €250.000 (Zuschuss für Privatanlagen)
Stabsstelle Umwelt- & Klimaschutz: €450.000 (Personalkosten)

Die SWT: Kommunaler Vollversorger

Die Stadtwerke Tübingen sind weit mehr als ein Energieversorger. Als 100% stadtisches Unternehmen betreiben sie einen Grossteil der kommunalen Infrastruktur:

Energie
Strom, Gas, Fernwärme
Wasser
Trinkwasser, Abwasser
Busse
TuBus / SVT, 20+ Linien
Bader
Uhlandbad, Freibad, Hallenbad
Glasfaser
FTTH-Ausbau
IPTV
Fernsehen über Glasfaser
E-Mobilitat
Ladenetz, Sharing
Parkierung
Parkhausbetrieb

Dieses breite Portfolio ist typisch für deutsche Stadtwerke — es ermoglicht Quersubventionierung (z.B. profitable Sparten finanzieren den OPNV) und kurze Entscheidungswege. Die SWT engagieren sich zudem als Sponsor im lokalen Sport und in der Kultur:

100% Okostrom seit 2012: Die SWT waren einer der ersten kommunalen Versorger in Deutschland, die komplett auf erneuerbare Stromquellen umgestellt haben. Mit dem Solarthermiepark und der Fernwärme-Offensive folgt jetzt die Wärmewende als zweite grosse Transformation.

Governance: Stadtische Steuerung

Die SWT gehoren zu 100% der Stadt Tübingen. Der Aufsichtsrat wird vom Gemeinderat besetzt, den Vorsitz fuhrt der Oberbürgermeister — eine in Baden-Wurttemberg ubliche Struktur nach der Gemeindeordnung. Die Gewinne fliessen vollstandig an die Stadt zuruck.

Kontext: Energiewende in vergleichbaren Stadten

Quellen: Stadtwerke-Geschaftsberichte, kommunale Klimaschutzberichte, eigene Recherche. Vergleichswerte sind Naherungen.

Pro Kopf ist Tubingens Engagement uberdurchschnittlich: €978 pro Einwohner für die Energiewende, verglichen mit ~€340 in Freiburg und ~€740 in Heidelberg. Allerdings hat Tübingen auch einen Nachholbedarf: Die Stadt hatte lange Zeit kein Fernwarmenetz, während Freiburg und Heidelberg seit den 1980ern ausbauen.

Was fehlt

Installierte PV-Leistung: Die Stadt fordert Photovoltaik mit €250.000/Jahr — aber wie viel Kapazitat ist bereits installiert? Keine öffentlichen Daten verfügbar.

Windkraft: Kein einziges Windrad auf Tübinger Gemarkung. Die Flachennutzungsplane sehen keine Standorte vor. Für eine Stadt, die Klimaneutralitat anstrebt, eine auffallende Lucke.

SWT-Geschaftsbericht: Die genauen Sponsoring-Summen sind nicht öffentlich. Die SWT veroffentlichen einen Geschaftsbericht, aber ohne detaillierte Aufschlusselung der Sponsoring-Ausgaben.

Fazit

Tübingen investiert €90 Mio. in die Wärmewende — für eine 92.000-Einwohner-Stadt ein bemerkenswertes Volumen. Der Solarthermiepark Au ist eines der größten kommunalen Solarthermie-Projekte in Baden-Wurttemberg. Die Fernwärme-Offensive soll langfristig Erdgas ersetzen.

Mit 100% Okostrom seit 2012 und der laufenden Wärmewende positioniert sich Tübingen als eine der ambitioniertesten Kleinstadte Deutschlands beim Klimaschutz. Ob die €978 pro Kopf die prognostizierte Wirkung entfalten, wird sich in den kommenden Jahren zeigen — die Daten werden hier dokumentiert.

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