Eine 92.000-Einwohner-Stadt in Schwaben investiert pro Kopf mehr als doppelt so viel in Radinfrastruktur wie Kopenhagen. Was Tubingen baut, was es kostet und was andere Stadte davon lernen konnen.
Tubingen gibt 79 EUR pro Einwohner fur Radverkehr aus. Das ist nicht nur ein deutscher Spitzenwert — es ist mehr als das Doppelte von Kopenhagen, der selbsternannten Fahrradhauptstadt der Welt.
| Stadt | EUR/Kopf | Rad-Anteil | Einwohner | Kontext |
|---|---|---|---|---|
| Tubingen | 79 EUR | 26,6% | 92.000 | Beheizte Brucken, Passivhaus-Radstation |
| Utrecht | ~132 EUR | 51% | 361.000 | Weltweit grosste Fahrradgarage (12.500 Platze) |
| Kopenhagen | ~35 EUR | 49% | 644.000 | Cykelslangen, 390 km Radwege |
| Amsterdam | ~11 EUR | 36% | 905.000 | Historisch gewachsen, wenig Neubau notig |
| Munster | ~25 EUR | 39% | 318.000 | Promenade als Rad-Ring |
| Berlin | ~5 EUR | 18% | 3.700.000 | Mobilitatsgesetz 2018, langsame Umsetzung |
| Freiburg | ~15 EUR | 28% | 236.000 | FR3 Radschnellweg, Fahrradstrasse Sundring |
Quellen: Radverkehrsplane der Stadte, ADFC Fahrradklima-Test 2024, European Cyclists' Federation, eigene Berechnungen
Wichtig: Amsterdam und Kopenhagen haben Jahrzehnte Vorsprung. Dort wurde seit den 1970ern kontinuierlich investiert. Tubingen komprimiert diesen Prozess auf wenige Jahre — mit entsprechend hoheren Einzelkosten. Utrecht fuhrt die Pro-Kopf-Statistik an, hat aber auch 4x mehr Einwohner und entsprechende Skaleneffekte.
Das Superradwegenetz "Blaues Band" ist ein durch die Nationale Klimaschutzinitiative (NKI) des Bundes gefördertes Programm. 12,6 Mio. EUR flossen zwischen 2021 und 2025 in den Ausbau des Tubinger Radnetzes — Markierungen, Ampelschaltungen, Kreuzungsumbau, Beschilderung.
| Strasse | Jahr |
|---|---|
| Max-Eyth-Strasse | 2014 |
| Eberhardstrasse | 2014 |
| Karlstrasse | 2015 |
| Furstrasse | 2015 |
| Schleifmuhleweg | 2016 |
| Rappstrasse | 2019 |
| Westliche Schaffhausenstrasse | 2021 |
| Wohrdstrasse | 2021 |
| Bruckenstrasse Nord | 2023 |
| Waldhauserstrasse | 2024 |
Wahrend Tubingen Rekordinvestitionen in den Radverkehr steckt, werden gleichzeitig TuBus-Fahrplane gekurzt (1 Mio. EUR/Jahr Einsparung). Die Stadtwerke Tubingen (SWT) betreiben beides — den Busverkehr und die Radstation. Kritiker sehen darin einen Widerspruch: Wer Klimaneutralitat will, muss alle nachhaltigen Verkehrstrager starken, nicht einen gegen den anderen ausspielen.
Andererseits: Bei 26,6% Radanteil am Modal Split liegt Tubingen bereits uber dem Niveau vieler Grossstadte. Die Investitionen setzen dort an, wo die Nachfrage am grossten ist.
Hinter den Investitionen steht auch politischer Druck. Der Radentscheid Tubingen, gegrundet am 22. Juni 2018, ist ein Burgerbegehren mit Unterstutzung von ADFC, VCD Tubingen und BUND. Er forderte konkrete Massnahmen — viele davon sind inzwischen umgesetzt oder in Planung.
Tubingen zeigt, dass auch kleine Stadte Radinfrastruktur auf internationalem Niveau bauen konnen. 79 EUR pro Kopf klingt viel — aber bei einer Stadt mit 92.000 Einwohnern summiert sich das auf Projekte, die anderswo ein Vielfaches kosten wurden. Die beheizte Radbrucke ist ein Statement. Die Radstation ein Vorzeigeprojekt. Die Frage ist, ob die Stadt dieses Tempo halten kann — und ob der OPNV dabei nicht auf der Strecke bleibt.