LOCALINAR TÜBINGEN
4. April 2026 · aktualisiert am 9. Oktober 2026 · Datenanalyse · 8 Min. Lesezeit

Radverkehr Tübingen: 40 Mio. EUR, beheizte Brücken und doppelt so viel wie Kopenhagen

Eine 92.000-Einwohner-Stadt in Schwaben investiert pro Kopf mehr als doppelt so viel in Radinfrastruktur wie Kopenhagen. Was Tübingen baut, was es kostet und was andere Städte davon lernen können.

€40M
Investition
€79
Pro Kopf
30%
Modal Split 2023
10
Fahrradstraßen

Die Zahlen im internationalen Vergleich

Tübingen gibt 79 EUR pro Einwohner für Radverkehr aus. Das ist nicht nur ein deutscher Spitzenwert — es ist mehr als das Doppelte von Kopenhagen, der selbsternannten Fahrradhauptstadt der Welt.

StadtEUR/KopfRad-AnteilEinwohnerKontext
Tübingen79 EUR30%92.000Beheizte Brücken, Passivhaus-Radstation
Utrecht~132 EUR51%361.000Weltweit größte Fahrradgarage (12.500 Plätze)
Kopenhagen~35 EUR49%644.000Cykelslangen, 390 km Radwege
Amsterdam~11 EUR36%905.000Historisch gewachsen, wenig Neubau nötig
Münster~25 EUR39%318.000Promenade als Rad-Ring
Berlin~5 EUR18%3.700.000Mobilitätsgesetz 2018, langsame Umsetzung
Freiburg~15 EUR28%236.000FR3 Radschnellweg, Fahrradstraße Sundring

Quellen: Radverkehrspläne der Städte, ADFC Fahrradklima-Test 2024, European Cyclists' Federation, eigene Berechnungen

Wichtig: Amsterdam und Kopenhagen haben Jahrzehnte Vorsprung. Dort wurde seit den 1970ern kontinuierlich investiert. Tübingen komprimiert diesen Prozess auf wenige Jahre — mit entsprechend höheren Einzelkosten. Utrecht führt die Pro-Kopf-Statistik an, hat aber auch 4x mehr Einwohner und entsprechende Skaleneffekte.

Die Projekte: Was für 40 Mio. EUR gebaut wurde

Ann-Arbor-Brücke
16,0 Mio.
Unterführung Gbhf
7,0 Mio.
Radstation
5,75 Mio.
Perugia-Brücke
4,7 Mio.
Moshi-Brücke
4,4 Mio.
Durham-Brücke
1,7 Mio.

Ann-Arbor-Brücke (Radbrücke West) — 16 Mio. EUR

Deutschlands teuerste Fahrradbrücke

16.000.000 EUR · Eröffnet 16. Oktober 2024
Inklusive Rampen rund 378 Meter lang, 4 Meter breit, bis zu 10 Meter hoch. Beheizte Fahrbahn — wie bei allen vier Tübinger Radbrücken. Stahlbau: 24.000 Fertigungsstunden + 7.000 Montagestunden durch Schmees & Luhn (Niederlangen, Emsland). Tragwerksplanung: Mayr | Ludescher | Partner (Stuttgart).

Finanzierung: Bund (NKI): 7,3 Mio. · Land BW: 4,0 Mio. · Stadt: 3,7 Mio.

Radstation Europaplatz — 5,75 Mio. EUR

1.100 Stellplätze, Cafe, Werkstatt, Passivhaus-Standard

5.750.000 EUR · Eröffnet 28. Juli 2023
1.525 m² Nutzfläche. Valet-Service, E-Bike-Ladestationen, Selbsthilfe-Werkstatt, integriertes Cafe. Architektur: haascookzemmrich STUDIO2050 (Stuttgart, 1. Preis Wettbewerb). Tragwerk: Klett Ingenieur GmbH. Passivhaus-Standard mit begrüntem Dach.

Unterführung Alter Güterbahnhof — 7 Mio. EUR

Rad- und Fußtunnel unter dem Güterbahnhof

7.000.000 EUR · Freigabe geplant für Frühjahr 2027
Verbindet Südstadt/Französisches Viertel mit der Weststadt. Beseitigt eine der letzten großen Barrieren im Tübinger Radnetz. Der Rohbau steht; die Freigabe für Fuß- und Radverkehr hat sich auf Frühjahr 2027 verschoben.

Perugia-Brücke — 4,7 Mio. EUR

Die vierte beheizte Radbrücke, in Lustnau

4.700.000 EUR · Eröffnet Juli 2025
Barrierefreie Fuß- und Radbrücke, rund 70 Meter lang und 5,50 Meter breit. Vollständig vom Land Baden-Württemberg aus dem LGVFG-Programm finanziert.

Superradwegenetz: 12,6 Mio. EUR Bundesförderung

Die Nationale Klimaschutzinitiative (NKI) des Bundes fördert das Superradwegenetz mit 12,6 Mio. EUR (Förderlaufzeit August 2021 bis Juli 2027). Das Geld steckt in drei der oben genannten Bauwerke: Moshi-Brücke, Ann-Arbor-Brücke und die Unterführung am Alten Güterbahnhof. Das Blaue Band ist die rund 1,5 km lange, durchgehende Radroute zwischen Moshi- und Ann-Arbor-Brücke über ZOB und Radstation; seit der Eröffnung der Ann-Arbor-Brücke im Oktober 2024 ist sie durchgehend befahrbar.

10 Fahrradstraßen seit 2014

StraßeJahr
Max-Eyth-Straße2014
Eberhardstraße2014
Karlstraße2015
Fürststraße2015
Schleifmühleweg2016
Rappstraße2019
Westliche Schaffhausenstraße2021
Wöhrdstraße2021
Brückenstraße Nord2023
Waldhäuser Straße2024

Im Umbau: die Brückenstraße zwischen Bismarck- und Schaffhausenstraße wird seit Juli 2026 ebenfalls zur Fahrradstraße.

Zukunft: 2 Radschnellwege

RS 19: Tübingen – Reutlingen

14.000.000 EUR (Schätzung) · 9–17 km je nach Variante · Status: Vorplanung
Erwartete tägliche Nutzung: 2.500 Radfahrer. Planungskosten: 1,8 Mio. EUR. Stand Juli 2026: Kartierungen abgeschlossen, noch keine Vorzugsvariante.

RS 11: Tübingen – Rottenburg

24.000.000 EUR (Schätzung) · 12 km · Status: Entwurfsplanung
Erwartete tägliche Nutzung: 2.400 Radfahrer. Planungskosten: 2,3 Mio. EUR. Seit September 2025 verläuft die Vorzugsvariante nördlich der B 28 und erreicht Tübingen an der Paul-Horn-Arena.

Der Widerspruch: 40 Mio. für Räder, Kürzungen beim Bus

Während Tübingen Rekordinvestitionen in den Radverkehr steckt, werden gleichzeitig TüBus-Fahrpläne gekürzt (1 Mio. EUR/Jahr Einsparung). Die Stadtwerke Tübingen (SWT) betreiben beides — den Busverkehr und die Radstation. Kritiker sehen darin einen Widerspruch: Wer Klimaneutralität will, muss alle nachhaltigen Verkehrsträger stärken, nicht einen gegen den anderen ausspielen.

Andererseits: Bei 30 % Radanteil am Modal Split (2023) liegt Tübingen bereits über dem Niveau vieler Großstädte. Die Investitionen setzen dort an, wo die Nachfrage am größten ist.

Radentscheid: Druck von unten

Hinter den Investitionen steht auch politischer Druck. Der Radentscheid Tübingen, gegründet am 22. Juni 2018, ist ein Bürgerbegehren mit Unterstützung von ADFC, VCD Tübingen und BUND. Er forderte konkrete Maßnahmen — viele davon sind inzwischen umgesetzt oder in Planung.

Fazit

Tübingen zeigt, dass auch kleine Städte Radinfrastruktur auf internationalem Niveau bauen können. 79 EUR pro Kopf klingt viel — aber bei einer Stadt mit 92.000 Einwohnern summiert sich das auf Projekte, die anderswo ein Vielfaches kosten würden. Die beheizten Radbrücken sind ein Statement. Die Radstation ein Vorzeigeprojekt. Die Frage ist, ob die Stadt dieses Tempo halten kann — und ob der ÖPNV dabei nicht auf der Strecke bleibt.

Radinfrastruktur auf der Karte
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QUELLEN / SOURCES